05.03.2021
Lungenkrebspatienten

Bessere Versorgung in der Fläche

Innovationsfonds fördert Vernetzungsprojekt mit zehn Millionen Euro

Prof. Dr. Jürgen Wolf, Foto: Michael Wodak
Prof. Dr. Jürgen Wolf, Foto: Michael Wodak

Die onkologische Präzisionsmedizin ist heute noch nicht für alle Patienten verfügbar. Um dies zu erreichen, ist eine Neustrukturierung der Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Zentren und Leistungserbringern der Regelversorgung notwendig. Das Projekt „Steuerung personalisierter Lungenkrebstherapie durch digitale Vernetzung von Behandlungspartnern und Patienten (DigiNet)“ will molekular gesteuerte Therapien für möglichst alle Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligen Lungenkrebs verfügbar machen und gleichzeitig eine bessere Evidenz in der Flächenversorgung durch digitale Vernetzung spezialisierter Zentren mit Krankenhäusern, Praxen und Patienten erzielen. In zwei Modellregionen (West: NRW, Ost: Berlin und Sachsen) wird über DigiNet eine tiefe, transsektorale digitale Vernetzung realisiert und als neue Versorgungsform evaluiert. Der Innvationsfonds födert das Projekt der Uniklinik Köln mit 10.270.040 Euro. Es startet im Herbst und läuft über vier Jahre.

Personalisierte Krebstherapien gewinnen in der Therapie aller Krebserkrankungen an Bedeutung. Besonders dynamisch verläuft die Entwicklung bei den nichtkleinzelligen Lungenkarzinomen (NSCLC), die rund 85 Prozent aller neuen Lungenkrebs-Diagnosen ausmachen und die Liste der häufigsten Krebstodesursachen anführen: Circa 20 Prozent der Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC erhalten heute personalisierte Therapien als Erstlinienstandard. Für weitere circa 20 Prozent werden sie in Kürze in der Regelversorgung zur Verfügung stehen.

Grundlage für die Behandlung mit personalisierten Medikamenten ist eine molekulare Tumordiagnostik unter Einsatz neuer DNA- und RNA-Sequenziertechnologie, eine kompetente Interpretation der Befunde sowie Erfahrung mit der Durchführung molekular gesteuerter Therapien. Unter diesen Voraussetzungen werden mit personalisierten Therapien substantielle Verlängerungen des Überlebens erzielt bei gleichzeitig besserer Verträglichkeit.

Die Implementierung einer solchen forschungsnahen Medizin in die Breite der Versorgung stellt für das deutsche Gesundheitssystem mit seiner Vielzahl von Leistungserbringern eine große Herausforderung dar. So werden beispielsweise beim fortgeschrittenen NSCLC trotz Leitlinien-Empfehlung circa 35 Prozent der Patienten gar nicht getestet und nicht alle getesteten Patienten erhalten die bestmögliche Therapie. Neben den fatalen Konsequenzen für die Patienten führt die fehlende Steuerung auch zu einem unkontrollierten Einsatz neuer hochpreisiger Medikamente, teilweise im Off-Label-Use. Diese Situation erfordert neue Formen der Zusammenarbeit zwischen forschungsnahen Zentren sowie Krankenhäusern und Praxen.

Das Projekt DigiNet baut auf den Vorarbeiten des nationalen Netzwerks Genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs auf, in dem beispielhaft in ausgewählten Netzwerkzentren, darunter aktuell 13 onkologische Spitzenzentren, eine deutschlandweit harmonisierte und qualitätsgesicherte molekulare Komplexdiagnostik, Beratung und Therapieempfehlung auf Basis von Selektivverträgen nach § 140a SGB V durchgeführt wird. Mit dem nNGM-Modell wurde eine Blaupause für onkologische Versorgungsstrukturen etabliert, die bereits Bundesland-, Krankenkassen und Sektoren-übergreifend umgesetzt wird. In DigiNet wird jetzt, wieder in Kooperation mit den Krankenkassen, ein Steuerungsinstrument für die Umsetzung molekular gesteuerter Therapien in der Breite der Versorgung durch die Vernetzung aller beteiligten Behandlungspartner unter Einbeziehung der Patienten aufgebaut.

Die sektorübergreifende Optimierung der Tumortherapie soll durch digitale Vernetzung erreicht werden. Dabei kommt unter anderem auch eine Patienten-App zum Einsatz, die Befunde und Behandlungsdaten enthält und Daten zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität erfasst. Die App dient auch als Kommunikationsplattform für die rund 3.200 Patienten, die insgesamt in das Projekt eingeschlossen werden sollen. DigiNet-Sprecher Prof. Dr. Jürgen Wolf, Leiter des Lungenkrebsschwerpunktes und Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie an der Uniklinik Köln, erwartet gerade von der patientennahen Umsetzung des Projektes besonderen Erkenntnisgewinn: „Mit DigiNet realisieren wir den Innovationstransfer in die Flächenversorgung, aber auch von dieser zurück in die Forschung. Wir haben in dieses Projekt deshalb bewußt die Patienten mit einer sehr aktiven Rolle eingebunden und sind gespannt, wie sich die zeitnahen Einschätzungen der Patienten zu Symptomkontrolle, Lebensqualität oder Mobilität auf die Forschung und Versorgung auswirken.“

Konsortialpartner DigiNet: CIO Aachen Bonn Köln Düsseldorf (vertreten durch die Uniklinik Köln), Westdeutsches Tumorzentrum (vertreten durch die Uniklinik Essen), Charité CCC Berlin, Lungenzentrum Helios Emil v. Behring Berlin, NCT/UCT Dresden, Berlin Institute of Health, Deutsche Krebsgesellschaft (DKG), Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO), AOK Rheinland/Hamburg, AOK Nordwest, BARMER, Healex GmbH, WIdO Kooperationspartner: 29 Krankenhäuser, davon 17 DKG-zertifizierte Lungenkrebszentren, 34 onkologische Praxen, LKR Nordrhein-Westfalen, KKR Berlin Brandenburg, KKR Sachsen

Evaluierende Institute: Institut fur Community Medicine, Universitat Greifswald; Institut fur Gesundheitsokonomie und Klin. Epidemiologie, Universität zu Köln; FOM Hochschule Köln

Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)

Der G-BA hat im Januar 2021 28 neue Projekte aus dem Bereich „Neue Versorgungsformen“ veröffentlicht, wovon 15 dem Themenbereich „Digitale Transformation – Lösungen zur Weiterentwicklung der Versorgung“ zuzuordnen sind, zu dem auch das Projekt „DigiNet“ zählt. Die Projektbeschreibungen aller neu geförderten Projekte stehen in Kürze in einer Projektdatenbank zur Verfügung: https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/

Der G-BA erhielt 2016 vom Gesetzgeber den Auftrag, mit den Mitteln des Innovationsfonds solche Projekte zu fördern, die über die bisherige regelhafte Gesundheitsversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland hinausgehen, und gezielte Impulse für die innovative Weiterentwicklung des Gesundheitswesens geben. Hierfür wurde beim G-BA ein Innovationsausschuss eingerichtet. Die Mittel werden von den gesetzlichen Krankenkassen und aus dem Gesundheitsfonds getragen und vom Bundesamt für Soziale Sicherung verwaltet.

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